Interview mit dem Stadionsprecher Arnaud Petit
Ein Luxemburger am Mikro einer Weltmeisterschaft, das dürfte es auch nicht alle Tage geben. Im Rahmen der WM in Aachen sprach wir mit dem Wahl-Münchener.
Herr Petit, wann und wo kamen Sie erstmals mit dem Pferdesport in Berührung?
Seit dem Alter von zehn Jahren bin ich in Waldbredimus im „Club Étrier Pegasus“, meinem Heimatverein. Ich bin sehr gut befreundet mit Jean-Jacques Mangen (d.Red.: der Inhaber des Reitstalls in Waldbredimus). Früher wurde gefragt, ob Jean-Jacques seinen Bruder dabei habe, so oft war ich mit ihm unterwegs. Als Teenager bin ich mit ihm zu Turnieren gefahren und irgendwann entschieden wir, in Waldbredimus Turniere zu veranstalten.
Dafür wurde dann auch ein Ansager gebraucht und ich bot an, diese Aufgabe zu übernehmen. Als Schüler arbeitete ich bei einer Firma, die im Audiobereich tätig war und die Turniere mit Soundsystemen ausstattete. Ich kannte mich früh damit aus und mir wurde die Verantwortung übertragen, eine solche Anlage in Waldbredimus zu installieren. Irgendwann hieß es dann auch, ich solle in das Mikro sprechen, was ich dann ebenfalls tat.
Sind Sie selber geritten und wenn ja, in welcher Disziplin?
Ich reite immer noch, auf halbprofessionellem Niveau. Ich begann im Alter von acht Jahren eben in Waldbredimus. Bis ich etwa achtzehn war, war ich im Springreiten aktiv. Danach ging ich ins Internat und ritt während zwei Jahren überhaupt nicht. Anschließend fing ich wieder an, jedoch in der Dressur.
Zwischenzeitlich gab es einen kleinen Ausflug in die „Working Equitation“. In dieser Disziplin bestritt ich für Luxemburg 2018 die WM in München. Ich kam auf den 18.Platz unter 65 Konkurrenten. Mittlerweile reite ich nur noch Dressur. Zusammen mit meiner Frau betreibe ich einen Pensions- und Ausbildungsstall in der Nähe von München.
Sie haben Luxemburg verlassen und sind in die Münchener Gegend gezogen. Wie kam es dazu?
Im Alter von achtzehn oder neunzehn Jahren war ich in Deutschland in diesem Internat, das muss so um das Jahr 1999 oder 2000 gewesen sein. Zu jener Zeit arbeitete mein Bruder in München. Ich wollte nicht unbedingt zurück nach Luxemburg und ging dann zu ihm, da ich dort eine Bleibe fand. Ich blieb dann dort hängen, u.a. auch als Studentenreiter.
Gute Freunde von mir, wie z.B. Joelle Beier-Kinnen, die heute FEI-Steward ist und 2006 mit Petit Prince in Aachen ritt, lebten zu jener Zeit auch in der Nähe von München. Dort wohnte ich eine Weile, wir hatten eine tolle Zeit während der ich auch meine erste Frau kennenlernte, das war 2003. So kam es, dass ich dortblieb.
Und wie kam es dazu, dass Sie Sprecher bei Turnieren von Weltformat wie z.B. der WM in Aachen wurden?
Ich hatte das große Glück, als ich um 2004 definitiv nach Bayern zog, dass ich durch die Verbindungen mit den Studentenreitern und dem Stall, in dem ich war, Turnierveranstalter kennenlernte, die mich relativ schnell als Speaker einsetzten. Von da an ging alles sehr schnell. Binnen eines Jahres, nach ein paar Turnieren im Raum München, klingelte bereits mein Telefon und ich erhielt Aufträge, um internationale Turniere anzusagen. 2007 wurde ich erstmals nach Aachen gerufen. Bis heute bin ich der jüngste Speaker, der je in Aachen begonnen hat.
In den ersten Jahren, zwischen 2004 und 2006, wurde ich über die damalige Agentur Escon Marketing gebucht. Diese besetzte Turniere in Dortmund, Frankfurt, uvm. mit Sprechern. Mit ihnen kam es zu einem schnellen Vertragsabschluss. Zu Spitzenzeiten machte ich elf Turniere im Jahr über diese Agentur. Insgesamt lief es damit auf 25 bis 30 Turniere im Jahr hinaus. 2007 folgte dann der Ritterschlag, als Frank Kemperman (d.Red: der frühere Vorsitzende des Aachen-Laurensberger Rennvereins) mich nach Aachen holte.
2015 waren Sie bei der EM in Aachen tätig, jetzt bei der WM. Als wir Sie anriefen, um einen Interviewtermin zu vereinbaren, kommentierten Sie gerade ein Turnier in Verden. Geht das alles so locker vonstatten, dass man nebenbei auch mal ans Handy gehen kann?
Nein, man muss in diesem Job durchaus auf der Höhe, immer bereit und hoch konzentriert sein. Es ist wie an anderen Arbeitsplätzen auch: es gibt Situationen oder Begebenheiten, bei denen nimmt man kein Telefongespräch an, wie z.B. während einer Siegerehrung in Aachen. Während dem normalen Ablauf ist das aber kein Problem. Nach dreißig Jahren kann ich da schon etwas jonglieren.
Petit: „Man hat ein spezielles Vokabular im Reitsport“
Ist die Mehrsprachigkeit, über die man als Luxemburger verfügt, ein Vorteil, um in der Tätigkeit als Stadionsprecher auf internationalem Level Fuß zu fassen?
Als Luxemburger haben wir diesen Vorteil, dass wir multilingual sind. Um es allerdings richtig gut zu machen, muss man sich in einer anderen Sprache dann doch sehr heimisch fühlen. Man hat ja ein spezielles Vokabular im Reitsport. Doch nicht nur der technische Teil spielt eine Rolle, sondern auch der atmosphärische. Nehmen wir die die Eröffnungsfeier von Aachen 2026: man muss auf Stimmungen eingehen, mitbekommen, wie die Zuschauer reagieren und blitzschnell schalten. Deswegen muss man in der Sprache, in der man ansagt, wirklich zuhause sein. Nach 25 Jahren ist Deutsch meine Hauptsprache, ich hoffe meinen Akzent hört man nicht zu viel heraus (Lachen).
Ich würde mir nie zutrauen, so ein Turnier wie in Aachen auf Französisch zu kommentieren. 2014 war ich Stadionsprecher der Dressur bei der WM in Caen. Zum Glück hatte ich einen ganz netten französischen Kollegen an meiner Seite, der sich in dieser Disziplin sehr gut auskannte. Ich moderierte den sportlichen Teil und zusammen machten wir die Animation. Er ließ mir dabei einen gewissen Freiraum. Das war gut, denn dadurch wuchs ich in das Kommentieren auf Französisch hinein. Eine Woche nach dem Turnier war das aber schon wieder verfolgen.
Erinnern Sie sich noch an die EM 2015, als Sie die Mitglieder der luxemburgischen Dressur-Equipe auf Luxemburgisch in Aachen begrüßten? Entsteht so etwas spontan oder ist das geplant?
So etwas setze ich relativ spontan um. Ich habe die Franzosen auch auf Französisch angesagt. Doch Aachen liegt ja verhältnismäßig nahe an Luxemburg, da liegt es auch auf der Hand, auf Luxemburgisch aus der Hüfte zu schießen. Nach einer gewissen Zeit hat man einen Sinn für die Spontanität und man weiß, was man machen darf und was nicht. Man darf aber nicht über das Ziel hinausschießen. Man kann durchaus mal einen Witz machen, doch dabei muss man vorsichtig sein. Das ist heutzutage schwieriger als noch vor zwanzig Jahren.
Gibt es Unterschiede bei der Vorbereitung auf kleinere Turnieren im Gegensatz zu einer EM oder WM und falls ja, wie sehen diese aus?
Ich habe einen Grundsatz: ob man ein A-Springen moderiert oder den Großen Preis von Aachen, es kann für den Sieger der erste – oder vielleicht auch der letzte – große Erfolg sein. Deshalb macht es für mich keinen Unterschied. Ich versuche kleine Turniere und kleine Prüfungen genauso zu behandeln, wie große. Wir machen es ja für die Reiterinnen und Reiter, für das Publikum und es soll Spaß machen. Ich habe mittlerweile eine sechs Jahre alte Tochter und ich weiß, wie es ist, wenn man in diesem Alter seinen ersten Reiterwettbewerb gewinnt. Als Eltern platzt man dann fast vor Stolz und das ist bei jedem Sieger bei jedem Turnier genauso.
Der Rahmen unterscheidet sich dann aber. Bei einem ländlichen Turnier kann man als Speaker etwas lockerer und entspannter sein. Wenn dann wie in Aachen etliche europäische Königshäuser vertreten sind, dann hält man sich an das Protokoll. Über Land kann aber z.B. der Bürgermeister als wichtige Persönlichkeit da sein. Man muss sich diesem Rahmen anpassen. Man muss schauen, mit welchen Leuten man es zu tun hat. Beim CHIO in Aachen kann man durchaus auch witzig sein. Es gibt ja den bekannten Hasen, der in der Soers des Öfteren durch das Viereck läuft. Da kann man natürlich einen Spruch platzieren.

Wie sieht die Vorbereitung auf eine WM für Sie aus? Wie tief tauchen Sie in die Materie ein bzw. wie viel Erfahrung bringen Sie mit?
Es gibt ein paar Namen, die man schon recherchieren muss. Auf den Startlisten, egal ob im Springen oder der Dressur, tauchen Namen auf, die man noch nie gehört hat. Diese sollte man in Ruhe durchlesen, was ich und auch meine Kollegen in Aachen auch tun. Diese sollen sich im Kopf festsetzen, denn es gibt nichts Peinlicheres, als einen Namen falsch wiederzugeben. Es ist unser Job, das richtig zu machen.
Als Sprecher soll man i.d.R. möglichst neutral bleiben und trotzdem gerne auch emotional sein. Wie sieht es mit der gebotenen Neutralität aus, wenn Sie einen Luxemburger wie z.B. Nicolas Wagner Ehlinger ankündigen?
Die Erfahrung lehrt einen zu wissen, wann man in diesem Punkt stoppt. Wir sind aber keine Jury; wir sind der Lautsprecher für die Jury, den Veranstalter und auch für das Publikum. Wir begleiten das Geschehen mit Erklärungen und Fachwissen, über das der eine oder andere nicht verfügt. Wir sind nicht da, um zu bewerten. Das ist sehr wichtig, damit darf man nicht anfangen, denn das ist der Job der Richter. Wir unterstützen oder trösten, wenn etwas schiefläuft und wir sind dafür da, die nötigen Informationen weiterzugeben, die wir von offizieller Seite erhalten.
Vielleicht sind wir sogar da, um das Publikum zu bremsen, wenn es überreagiert. Im Falle eines Unfalls versucht man die Zuschauer mit einer gedämpften Stimmung trotzdem im Bann zu halten, damit sie nicht denken, dass die Welt zusammenbrechen würde. Außerhalb des Sports gibt es Situationen, in denen z.B. ein Politiker vor Ort ist, den das Publikum nicht unbedingt mag und auspfeift. In solchen Fällen ermahnt man die Leute, zum nötigen Respekt zurückzukehren.
Haben Sie eine Lieblingsdisziplin im Pferdesport und wenn ja, welche ist das?
Spitzensport ist immer fantastisch. In Aachen kommentiere ich z.B. auch den Kutschen-Marathon, ich bin ein sehr großer Fan der Vierspänner und habe manchen Freund, der aus diesem Lager kommt. Ich kümmere mich auch um den Crosscountry der Vielseitigkeit, die Dressur schaue ich mir natürlich gerne an, weil ich selber in dieser Disziplin reite.
Springreiten ist oft an Spannung nicht zu überbieten. Mit meinem Kollegen Kaj (d.Red.: Kaj-Christian Warnecke) habe ich auch sehr viel Spaß beim Voltigieren, die Stimmung beim Finale in Aachen ist unglaublich. Insgesamt finde ich den Reitsport, die Arbeit und das Zusammenleben mit den Pferden faszinierend. Ich lebe seit dreißig Jahren dafür.
Arnaud Petit: „In meinen Augen sind das Extremisten“
Wollen Sie abschließend noch Ihre Meinung zum Tierwohl mit uns teilen?
Ich hoffe in Luxemburg ist es noch nicht so schlimm, aber in Deutschland gibt es diese von ein paar Wahnsinnigen angetriebene Gesellschaft, die gegen den gesamten Reitsport schießt. Sie selbst nenne sich Tierschutzorganisation, doch in meinen Augen sind das Extremisten. Da wir zuhause selber einen Stall betreiben und selber Reiter sind und ich auch Turnierveranstalter, ist für mich eine Sache sehr klar: so gut, wie es die Pferde heutzutage in unseren Gegenden und vor allem in den Spitzenställen haben, so gut hatten sie es in den vergangenen tausenden von Jahren noch nie.
Wir sind aber ständig am optimieren und das muss auch so sein. Eine Sache muss man sich vor Augen halten, wohl wissend, dass man Extremisten so oder so nicht bekehren kann: das Pferd ist seit Jahrhunderten ein Nutztier. Ohne Pferd wäre die Menschheit nicht dort, wo sie heute ist. Erst in den vergangenen fünfzig Jahren haben wir angefangen, uns wirklich um das Wohl der Pferde zu kümmern. Vor nicht einmal vierzig oder fünfzig Jahren standen sie nicht einmal in Boxen, sondern eingepfercht in Ständern. Sie wurden da herausgeholt, wenn sie genutzt wurden und kamen dorthin zurück, wenn sie nicht mehr genutzt wurden.
Wenn wir den Reitsport abschaffen, dann gibt es keine Pferde mehr. Ein Pferd ist zu groß, um es als Haustier zu halten, das man einfach mit nach Hause in den Garten nimmt. Wenn wir mit dieser Gängelei – aber übrigens auch mit der Preisentwicklung – so weitermachen würden, dann würde es keine Pferde mehr geben. Da die angesprochenen Kritiker die gleichen sind, die der Meinung sind, dass man keine Tiere in einem Zoo halten darf, dann wird es auch dort keine Pferde geben. Diese Tierart würde dann aussterben.
Wäre das das Ende einer Kultur, die tausende von Jahren alt ist?
Es ist in der Tat eine ewig lange gewachsene Kultur. Und ganz nebenbei erwähnt: das Pferd ist einer der größten Wirtschaftsfaktoren, den es gibt. Ich möchte diesen aber nicht zu sehr hervorheben, da sonst wieder gesagt wird, es geht nur ums Geld. Aber: kein Pferd auf dieser Welt kann man zwingen, über 1,60 Meter zu springen oder durch ein Dressurviereck zu gehen! Sie tun es, aber sicher nicht durch Zwang. Als Pferdemenschen ist es unser Job, die Tiere in die Lage zu versetzen, die Anstrengung, die wir von ihnen verlangen, mit Spaß und Leichtigkeit zu machen, in dem wir sie optimal darauf vorbereiten und trainieren und weil sie körperlich in der Verfassung sind, ihre Aufgaben zur erledigen.
Ein Pferd, das man in Aachen durch den Großen Preis zwingen muss, macht dies vielleicht ein einziges Mal, meistens würde es nicht einmal das Ende des Parcours erreichen und sicher nicht mehrmals. Niemand, der noch nicht geritten ist, kann nachvollziehen, wie es sich anfühlt, wenn man spürt, dass ein Pferd für einen kämpft. Ich kann das an meinem eigenen Beispiel erklären, weil ich es einmal so erlebt hatte.
Der dritte Teil der „Working Equitation“ ist „Speed“, also Geschwindigkeit. Ich kannte mein Pferd damals schon lange und es hatte selber den nötigen Ehrgeiz bekommen, Gas zu geben und immer dranzubleiben. Jeder Springreiter ab einem gewissen Level kann das auch bestätigen: du bist in einer solchen Situation eine solche Einheit mit dem Pferd, dass es richtig gut wird. In der Dressur ist es genau das Gleiche.
Um auf das Thema zurückzukommen: das sind die Dinge, die normale Zuschauer aber dann auch die selbsternannten sog. Tierschützer, von Außen nicht merken. Fällt die Argumentation bei letztgenannten schwerer als beim normalen Publikum?
Die erwähnten Extremisten sind einfach grundsätzlich dagegen, mit denen braucht man nicht zu reden. Ein sehr gutes Beispiel: meine Eltern kennen sich im Reitsport nicht gut aus, außer, dass sie mitbekommen, wenn etwas los ist. Sie wissen aber auch z.B. von Eiskunstlauf nicht viel, sie schauen sich aber seit fünfzig Jahren jede größere Meisterschaft an. Warum? Weil sie Freude an der Sportart haben. Sie wissen vielleicht nicht bis ins letzte Detail, was bewertet wird, doch in der Zwischenzeit haben sie ein Gespür dafür entwickelt. Und so ist es auch beim Reitsport: die Dressur ist den Menschen sehr schwer verständlich zu machen.
Wenn man sich ihr aber hingibt und sich das einfach etwas anschaut und auf sich wirken lässt, dann bekommt man auch da ein Gespür dafür und das macht den Unterschied aus. Der Reitsport steht unter Beschuss. Wir, die Menschen, die aus dem Reitsport kommen, müssen versuchen, nicht immer hinterherzulaufen. Es gibt immer noch diese zurückhaltende Idee in den Köpfen, erst zu antworten, wenn jemand etwas sagt. Wir sind aber die Experten in diesem Sport und wir sind kritisch. Doch die erwähnten Personen meinen, dass wir das nicht seien und wir würden stets behaupten, dass alles richtig sei.
Das stimmt aber so nicht: wir sind äußerst kritisch, wir müssen in der Öffentlichkeit proaktiver an die Sache herangehen. Unser Sport ist fantastisch und er darf nicht kaputt gehen, doch wir müssen jetzt aufwachen! Und keine Sorge: der winzige Anteil an schwarzen Schafen bekommt die nötige Kritik intern zu hören. Die anderen 99 Prozent müssen sich erheben und deutlich sagen, dass daran gearbeitet wird, diese Probleme in den Griff zu bekommen und das Pferdewohl ständig zu verbessern. Es gibt jedes Jahr neue Innovationen, um es den Pferden noch angenehmer zu machen und das müssen wir den Menschen erklären.
Dieser Artikel erschien ebenfalls im „Lëtzebuerger Bauer“
